Digitale Verdrossenheit in Zeiten analoger Verbundenheit

In diesem Blogbeitrag folgt ein alternierender Wechsel der Perspektiven zum Thema Künstliche Intelligenz in der heutigen Zeit.

„In 41 Tagen ist Weihnachten, denken Sie daran Ihrer Liebsten den SuperDry Föhn rechtzeitig zu bestellen.“ „Achtung, übermorgen ist der Geburtstag Ihres Kindes. Sollen wir das Videospiel FarSmile mit Amazon Prime verschicken?“ „Sie haben in Ihrem Kühlschrank fast keine Eier mehr. Wollen Sie noch etwas auf Ihre Einkaufsliste setzen?“

Die vernetzte digitale Welt

Wen von uns plagte nicht schon einmal das schlechte Gewissen, weil man trotz allen digitalen Erinnerungen schon wieder den zweit-, dritt- und viertwichtigsten Tag im Jahr vergessen hat. Oder weil man schon wieder mit vollen Einkaufstaschen nach Hause gekommen ist und nur das vergessen hat, weswegen man eigentlich den Weg zum Einkaufszentrum bestritt? Wie praktisch, dass die künstliche Intelligenz immer weniger künstlich und immer mehr intelligenter wirkt. Smartphone, SmartWatch und SmartHome sind keine Utopie, die theoretisch funktioniert. Da sind teilweise Sachen dabei, die seit einem guten Jahrzehnt da sind und stetig besser werden. Ich präsentierte meinen Freunden stolz meine neue Alexa und zeigte stolz ihre Skills. Innerlich zählte ich die Sekunden, bis die bekannten drei Fragen kamen:

  • Hast du keine Angst, dass sie dich abhört?
  • Dafür gibst du so viel Geld aus?
  • Und was kann das Ding sonst noch?

Nein, Alexa ist keine „sie“ und nein, ich habe keine Angst, dass sie mich ungewollt abhört. Wie schnell wäre so ein großer Konzern wie Amazon wohl zerrissen, wenn bloß ein ernstzunehmender Bericht herauskäme, dass das Alexa Echo Dot die Gespräche während dem Standby Modus abhört. 35 Euro für künstliche Intelligenz, die vielfältige Skills hat erachte ich nicht als „so viel Geld“. Und nun zu der wichtigsten Frage, nämlich der letzten. Denn im Endeffekt überwiegt doch das Interesse an dem Gerät und wir wollen doch alle Teil der modernen Gesellschaft sein.

Das Wunder Technik

Was ist also der Reiz an dem Ganzen, außer bloß Teil der Gesellschaft zu sein? Es ist wohl zum einen die Faszination an der Technik. Es fasziniert uns zu sehen, wie weit wir eigentlich schon sind und was alles möglich ist. Zum anderen ist es unsere Gemütlichkeit. Die einleitenden Phrasen, die von einem Gerät künstlicher Intelligenz kommen könnten verdeutlichen, dass es unser Leben erleichtert und viele Herausforderungen des täglichen Lebens abnimmt.

„Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd.“

Wir kennen dieses berühmte Zitat von Wilhelm II. Doch woher kommt in der heutigen Welt nun diese ganze Skepsis zur Digitalität? Es könnte das Setzen auf Altbewährtes sein, doch hat man dasselbe nicht über das Automobil gesagt, das die Pferdekutschen ablöste? Die zweite naheliegende These einer möglichen Erklärung wäre, die Angst vor dem (digitalen) Unbekannten. Diese Angst ist gar nicht so unbegründet. Um das näher zu verstehen, ist es notwendig die Hintergründe der künstlichen Intelligenz zu verstehen.

Die Informationen, die das Gerät über uns hat, ist zugegebenermaßen oft beängstigend. Kaum ist Alexa angeschafft, fordert sie von uns eine Registrierung und die Bekanntgabe vieler Daten. Im Idealfall verbindet der Nutzer bzw. die Nutzerin seine Wohnung zu einer Einheit: das SmartHome. Diese Fülle an Informationen, bietet laut dem Anbieter die Möglichkeit passgenaue Informationen über uns zu erhalten, zu transferieren, zu verarbeiten und als individuelles Package für uns wiederzugeben. Sie beschreibt anhand eines Erlebnisses, wie widerstandslos die Behauptung wäre, Werbung wäre für Menschen bloß nervig, weil sie zu wenig relevant ist. Denn dieser Ansatz, dass die Werbung noch personalisierter werden solle, würde die „Über-Reklamisierung“ und das Sammeln von Daten noch weiter unterstützen.

Ein anderer Blickwinkel

Die Tatsache, dass wir nicht ungewollt abgehört (Antwort auf die Frage 1 meiner Freunde) werden, bedeutet nicht, dass wir nicht ungewollt und/oder unbewusst Informationen über uns preisgeben. Dass die Anschaffungskosten gerade einmal 35 Euro betragen, bedeutet nicht, dass es tatsächlich günstig ist: Denn wie viel sind uns unsere persönlichen Daten wert? Wie weit ist ein Schnäppchen von einem Lockpreis entfernt, der zum Ziel die massenhafte Verbreitung hat? Können wir diesen Megatrend unter Kontrolle halten? So liest sich auch die letzte der drei Fragen meiner Freunde nun anders: Und was kann das Ding sonst noch? Meine Antwort als Medienpädagoge und Medienmanager lautet: Ich weiß es nicht.

Der digitale Horizont

Wir können alle nicht in die Zukunft sehen und vermutlich ist das auch gut so. Der Blick in die Zukunft würde vielleicht noch mehr Fragezeichen aufwerfen als dieser Beitrag. Bisher waren es in diesem Blog 14 teils noch für lange Zeit offene Fragen, die auf 33 Sätze/Aussagen stoßen, die Nährboden für weitere Fragen bieten würden. Dabei war hier die Rede von simpler künstlicher Intelligenz, wie Alexa. Doch vielleicht liegt gerade auch da der Grund für die Uneinigkeit in der Gesellschaft: Die Simplizität. Jede/r kann es nutzen. Die technische Hürde und die Angst vor dem Unbekannten fällt weg und das macht es so schwierig. Auf der anderen Seite haben wir Extrembeispiele wie Gehirn-Computer Schnittstellen („Cyborgs“) die für uns heute unvorstellbar und ethisch nicht vertretbar wären, da ist sich der überwiegende Großteil einig. Das Problem liegt also nicht in den Extremen (komplett analog versus Cyborgs), sondern, in den kleinen, simplen Anwendungen und Geräten unseres täglichen Lebens. Warum ist das so? Wegen der digitalen Unsicherheit und Verdrossenheit oder doch aufgrund der Verbundenheit zum Analogen und Altbewährtem? Fragen wir am besten Alexa …

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